Die Sylt-Story

Die größte deutsche Nordseeinsel

VON INGA GRIESE, CHEFREDAKTEURIN ICON/ICONIST

 

STÜTZPUNKT DER WIKINGER Angefangen hat es mit den Wikingern, die gegen Ende des 8. Jahrhunderts auf Sylt, Föhr und Amrum Stützpunkte und Siedlungen errichteten. In etwa parallel wurden die Friesen im heutigen Nordfriesland sesshaft. Die Wikinger verschwanden wieder, die Friesen und ihre Kenntnisse von Meer und Seefahrt blieben. Als die Niederländer und Engländer gegen Ende des 16. Jahrhunderts den Wal- und Robbenfang im Eismeer als Goldgrube entdeckten, hatten sie sich zunächst auf die seefah- rerischen Kenntnisse der Basken verlassen, doch 1633 verbot der französische König ihnen den Dienst auf niederländischen Schiffen. So kamen die Friesen ins Spiel und bald ging fast jeder auch nur halbwegs erwachsene Mann auf Grönland-Tour (man meinte, das Hauptfanggebiet bei Spitzbergen wäre Grönland).  

 

Das „Goldene Zeitalter“ auf den nordfriesischen Inseln begann, brachte Wohlstand aber oft auch Trauer. Es gab viele Tote zu beklagen. Die Biike, die noch immer jeden 22. Februar mit großen Feuern gefeiert wird, erinnert an jene Zeit, sie markierte das Ende des Winters und die Abfahrt der Männer. Die hohen, weithin über die Inseln sichtbaren Feuer loderten zum Geleit und sollten die bösen Geister vertreiben. Doch der Klabautermann ließ sich nicht beeindrucken. So kam es 1744 zu einem besonders tragischen Unglück, als eine Morsumer Mann- schaft nur eineinhalb Seemeilen vor Sylt kenterte und sich nur acht von ihnen noch an Land retten konnten. Der letzte Sylter Walfänger schließlich war ein gewisser Peter Eschels, der 1836 mit seinem „Wettrenner“ aufbrach und nur nach größten Mühen wieder in die Heimat zurückkehrte. Die Kapitänshäuser im beschaulichen Keitum erzählen noch heute von der Blütezeit. Die See prägte die Insulaner. Auch die, die nicht draußen waren.  

 

Rüm hart – klaar kiming, das ist der Wahlspruch der Friesen und bedeutet weites Herz – klarer Horizont. In jedem Garten gibt es einen Fahnenmast, ist die Fahne hochgezogen, sind die Bewohner zuhause „Oh ich hab solche Sehnsucht, ich verliere den Verstand, ich will wieder an die Nordsee, ich will zurück nach Westerland. Es ist zwar teuer, dafür ist man unter sich und ich weiß jeder zweite ist genauso blöd wie ich.“

 

DAS „UNTERGEGANGENE DORF“  

Man ist so frei auf Sylt. Selbst der Sand. Wenn man die Insel hinauf nach Norden fährt, liegt linkerhand die große Wanderdüne. In winzi- gen Verwehungen nähert sie sich der Straße. Aber sie nähert sich. Will offenbar zum Watt rüber. Man kann sie nicht aufhalten. Die Rantumer könnten davon erzählen. Vom „untergegangenen Dorf“, wie es lange hieß. Denn im Laufe seiner Geschichte ist der kleine Ort am schmalen Punkt im Süden der Insel schon mehrfach verschwunden, von katastro- phalen Sturmfluten vernichtet, verschlungen von Wanderdünen.  

1463 erstmals urkundlich erwähnt, und da hatte die Siedlung 30 Jahre zuvor in der verhee- renden „Allerheiligen-Flut“ bereits die meisten Bewohner und seine Kirche verloren, galten die Rantumer zunächst als die wohlhabendsten Siedler auf Sylt, denn zwischen dem ehemaligen Riff und dem Geest- kern lag fruchtbares Marschland. Doch immer wieder muss- ten sie sogar ihre Gotteshäuser abreißen, weil unaufhaltsame, wandernde Dünen über sie herfielen.  

WESTERLÄNDER SPEKULANTEN  

Überhaupt musste das Dorf im Laufe seiner Geschichte mindestens dreimal verlegt werden. 1819 wurde das letzte Haus des alten Rantum verkauft und zwei Jahre später schließlich abgerissen, 1903 war die Siedlung auf fünf Häuser geschrumpft, den Familien ging es gleichwohl gut, hatten sie doch das ver- lassene Land drumherum zwischen Puan Klent und Westerland in Besitz genommen und kassierten gute Pacht für Weide und Jagd. Vier dieser Familien verkauften ihren Grundbesitz nach dem Ersten Weltkrieg an Westerländer Spekulanten, nur Familie Nissen behielt klug ihre 40 Hektar. Bis 1947 bildeten der Ort und das ganz südliche Hörnum eine Gemeinde, dann machte Rantum sich selbständig und mit seiner Bauvorschrift für Reet- dachdächer beliebt bei Feriengästen. 1973 durfte es sich Nord- seebadnennen.Voraussetzung war unteranderem eine gewisse Länge Strand, der wiederum in Strandabschnitte ein- geteilt war, und zu jedem Abschnitt gehörten ein Parkplatz, Strandkörbe, eine Toilette und eine kleine Strandversorgung. Die exo- tischen Namen „Sansibar“ und „Samoa“ waren in der Vorschrift nicht enthalten. Woher sie kommen, weiß bis heute keiner genau. Aber die Friesen waren ja immer auch Seefahrer, hatten manches gesehen, vieles gehört. Auch Märchen. Sansibar gehörte nie zum deutschen Kolonial- besitz und Samoa schon längst nicht mehr.  

 

 

250.000 MARK FÜR EINE BUDE  

Ein Jahr später, 1974 kam der Schwabe Herbert Seckler auf die Insel. Dass er einmal das berühmteste Lokal der Insel führen würde, stand damals nirgends geschrieben. Er folgte dem Rat eines Steuerberaters, der das Objekt an der Hand hatte, verschuldete sich über beide Schlitz- ohren und kaufte die Strandbude am Abschnitt „Sansibar“ für 250 000 Mark. Ein Vermögen. Nur für die Bude. Schaufeln, Bratwurst, Erbsensuppe, Strandkörbe. Ohne Grundstück. Das kam später hinzu, als die Bundesrepublik Anfang der 1980er Jahre viele Liegenschaften verkaufte.  

 

 

ANSCHLAG AUF DEN „KLENDERHOF“  

Mitte der 1970er Jahre beherrschten Terror- ismus und Ölkrise die Themen der Bundesrepub- lik, aber das trübte die Sylter Ferienlaune kaum. Es gab einen Anschlag auf das Gästehaus von Axel Springer, den berühmten „Klenderhof“, aber dar- überhinaus blieb die Sylter Idylle verschont. Man könnte meinen, so wie das Wasser im Watt bei Ebbe plötzlich versickert, so schluckt die Insel auch weniger rühmliche Erinnerungen. Der Toten wird gedacht, aber Goebels am Strand, Sympathisanten der Nazizeit, der Ausbau der Insel zu militärischen Festungen im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg, auch Ulrike Meinhoff später mit ihren Freunden am Strand bestimmen nicht das heutige Sein. Nach Ebbe kommt Flut und spült über alles hin- weg. Die wirkliche Bedrohung kommt vom Meer. Andere hatte die Insel gerade noch abwenden kön- nen. Von den Fünfziger- bis in die Siebziger Jahre, dem „Betonzeitalter“, war im Namen des Fort- schritts so manche Bausünde genehmigt worden, Westerland mit seinen Hochhäusern als „Förder- türme des Tourismus gelobt. Den größten Irrsinn plante 1971 ein Bauunternehmer aus Stuttgart. Er wollte am Westerländer Strand eine 28 Stock- werke hohe Bettenburg bauen. Die Stadt stimm- te sogar zu. Doch die Landesregierung stoppte das Vorhaben nach massiven Bürgerprotesten. „Atlantis“ ging unter, bevor es überhaupt stand. Auch das Angebot eines Unternehmers, Kampen ein Schwimmbad zu bauen, wenn das Dorf ihm 40 Eigentumswohnungen genehmigt, war vom Tisch. Ausgerechnet Kampen! Wo die Ortsgestaltungssatzung, die zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts definiert wurde, mehr zählt als die zehn Gebote und den Wohlstand des Ortes mit den höchsten Immobilienpreisen des Landes sichert. Wo sechs Millionen Euro für eine Haushälfte und mehr als 20 für ein Friesenhaus mit Wasserblick gezahlt werden, wird auch die Fläche unter der Dachschräge zur Quadratmeterzahl hinzu- gezählt, man nennt das „Sylter Maß“.  

 

 

UNTEN OHNE AN DER „BUHNE 16“  

In den 70ern war das Leben noch frei, man durfte auch noch grillen und Burgen bauen, die Häuserkultur kam erst spä- ter, man wohnte in Pensionen mit fließend Wasser und ohne Waschmaschine, viele Straßen in Kampen waren noch gar nicht asphaltiert, es gab noch Schlachter, Bäcker und das Milchge- schäft, wo heute Juweliere und Luxusboutiquen ihre Waren anbieten.  

 

An Buhne 16 saßen all die Schönen und Prominenten, gern in FFK (der Klassiker: Obenrum Norwegerpulli gegen Kälte, unten herum en nature), auch das ein Teil der großen Freiheitsbewegung, die schon immer die Insel ausmachte. Be- reits in den 1920er und 1930er Jahren hieß es, bei abendlichen Zusammenkünften von Künstlern, Tänzern und Intellektuellen werde „viel Rotwein und Champagner getrunken.“ Der berühmt gewordene Eintrag von Thomas Mann in das Gästebuch von „Haus Kliffende“ am Kampener Strand ‚Hier habe ich tief ge- lebt’ bezieht sich auf die erholsame Zeit, die Kraft von Strand, Horizont und Wind, aber man kann davon ausgehen, dass unterschwellig das Glück, Homosexualität hier nicht ver- stecken zu müssen, mitklang.

 

1854: EIN PAAR DUTZEND BADEGÄSTE  

Sylt war da schon zum mondänen Ferienort geworden, bereits 1854 sollen ein paar Dutzend Badegäste nach Westerland gekommen sein, vor allem Hamburger. Nachdem ein Arzt aus Altona die heilsame Luft gelobt hatte, nahm so mancher die noch beschwerliche, lange, tidenabhängige Anreise per Kutsche und Fähre in Kauf. Die Über- fahrt, in den 1860er Jahren auch per Dampfschiff, endete im Hafen von Munkmarsch, von dort ging es mit der Inselbahn weiter. Das änderte sich erst, als 1927 der Hindenburgdamm für den Eisenbahn- betrieb eröffnet wurde. Bis heute die lukrativste Strecke der Bahn.  

 

 

JOHN JAHR TRIFFT AUF AXEL SPRINGER  

Schon in den 1930er Jahren waren auch die jungen Hamburger gen Norden gereist, um unkriti- siert nach ihrem Sound zu feiern und zu tanzen. Auf Sylt ging das immer. Auch die jahrzehntelange Ver- bindung der Verleger John Jahr und Axel Springer nahm hier ihren Anfang. Mit einer von vielen au- genzwinkernden Anekdoten, die von John Jahr überliefert ist: „Unsere Freundschaft begann 1933 auf Sylt. Axel Springer sprach eine junge Frau an, die aber leider verheiratet war – mit mir.“  

 

 

DEUTSCHLANDS BERÜHMTESTES DORF  

Nach dem Krieg wurde Kampen dann zum berühmtesten Dorf der Bundesrepublik. Maler, Bildhauer, Industrielle, Chefredakteure, Schauspie- ler, Banker, Sänger, Politiker, Playboys (echte und Möchtegerns), Regisseure, Intendanten, Schrift- steller, Verleger – in Kampen sah man sie alle, na- turverbunden und lebenslustig. Und sie zogen die „Normalen“ nach auf die Insel. Hier durften Glück und Übermut gelebt werden. Die Les Humphries Singers schmetterten „Mexicoooooo“ am Strand, man durfte noch durch die Dünen laufen, oder dort in der heißen Sonne braten (braune Haut war der Ausweis von gutem Leben), es gab noch kein Aids, dafür freche Parties mit Hummerrennen und viele natürlich schöne Frauen, man lebte ungezwungen, ging barfuss vom Strand ins „Gogärtchen“, eine Institution seit 1951, Mick und Muck Flick fuhren Wasserski am Ellenbogen, es gab tolle Feste, die sonst so zurückhaltenden Hamburger gaben den Ton an. Wie die Clique um Bübchen Pünjer, die das „Pony“ mitbegründet hatten, weil sie einen Ort zum Tanzen wollten. Jeder brachte etwas für die Ein- richtung mit. Gebi Götsch, der smarte Skilehrer und seine schöne Frau Renate, die strengste aller Türsteher, begründeten die Legende des „Pony“. Der Kurdirektor von Sylt Ost warb mit dem Slogan: „In Kampen können Sie feiern, in Sylt-Ost ruhig schlafen.“

 

„LANDEBAHN FÜR EROSBUMMLER“  

Gunter Sachs, dem die Insel ihren Jetset Mythos ver- dankte (wobei Brigitte Bardot nie mit war) und sensationelle Feste feierte, notierte in seinen Erinnerungen: „Sylt war vom ersten Moment an spannend. Das „Pony“ war keine Bar, sondern eine Dampfküche für Weltanschauungen und Landebahn für Erosbummler. Mit einer Windsbraut eng an mich geschmiegt, brauste ich manchem Sonnenaufgang entgegen… Poeten sahen Venedig und wollten sterben. Ich sah jenes Eiland im Norden – und wollte ewig leben.“  

 

Es ist aufgeräumter jetzt, manchmal spießiger, die Re- geln strenger, der Luxus sichtbarer. Aber das wesentliche Sylt ist unverändert. Der Horizont, der Strand, die Luft – sie machen den wahren Mythos.